Ballspielende Blinde, blindwütende Berserker

marcus_birkenkrahe_picDas Thema „Wissenschaft und Technik“ (Workshop am 10. Dezember 2013) geht mich von allen Themen der Serie am meisten an. Beim Bloggen bin ich immer versucht, einen ganzen Schritt zurückzutreten: dann kann ich die Brisanz der spannenden Thesen des Workshops vielleicht noch besser erkennen. Also los.

In John Gardners Roman “The Resurrection” (1966) wird eine merkwürdige Szene beschrieben: eine Gruppe von Blinden spielt Baseball mithilfe eines Audio-Balls, der seine Position durch Geräusche bekannt gibt, solange er sich noch bewegt, und hüfthohen Seilen, die das Rennen von Base zu Base erleichtern. Als der Ball plötzlich verstummt, suchen die Blinden nach ihm: “Slowly, like children in a trance or like people moving underwater […] soundlessly, mechanically, as if without hope.“[1]

Kampf gegen Windmühlen (Gustave Doré, 1863)

An diese Szene wurde ich heute beim Nachdenken über diesen Artikel erinnert: die Blinden kommen mir vor wie Forscher, die zwar ihr Spiel spielen, aber durch die Art ihrer Bresthaftigkeit besonderer Hilfsmittel bedürfen – wenn diese ausfallen, werden die Spieler auf ihre begrenzten Sinne zurückgeworfen. Die Sinn-Suche, die philosophisch zumindest eine der Grundlagen wissenschaftlicher Tätigkeit ist, wird in diesem Bild zu einer Suche mit künstlichen Sinnen. Das ist aber auch der Weg der Wissenschaft seit der Antike: um der Wahrheit willen hinter die sinnlich erfahrbare Welt schauen. Das Bild transportiert gleichzeitig das Heldenhafte und das Vergebliche der Wissenschaft.

Wenn ich mit Studierenden (mittlerweile nicht nur aus Anlass der Abschlussarbeit, sondern während des gesamten Studiums) über Wissenschaft & Methode spreche, dann hebe ich diesen Doppelcharakter der wissenschaftlichen Anstrengung gerne hervor. Wissenschaft ist nie ein automatischer Vorgang (auch wenn viele einzelne Handgriffe und Abläufe im Laufe der Zeit Routine werden), sondern immer auch ein Abenteuer, dem aber etwas vom Kampf gegen Windmühlen anhaftet.

Spitzweg (1839): Der Arme Poet

Warum ich den Studierenden das glaube sagen zu müssen? Das hat mit unserer Praxisausrichtung zu tun, die von vielen als prinzipiell anti-wissenschaftlich verstanden wird. Praxis, so denken sie (und sagen es auch) ist das wirkliche Leben, Wissenschaft ist dagegen künstlich, irrelevant, ein Luxus. Die Praktiker verachten die Wissenschaftler — es ist dieselbe, mitleidig-verständnislose Verachtung, die uns in Spitzweg’s “Der Arme Poet” entgegentritt, behaupte ich. Grundlagenforschung ist ein kreatives, künstlerisches Abenteuer.

Aber was soll denn das jetzt, werden Sie sagen: wir betreiben doch gar keine Grundlagenforschung! Wir sind doch in den angewandten Wissenschaften zuhause! Stimmt ja auch — wir bieten an: Verwaltungswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften, Sicherheit, Touristik, Gründungslehre, Management und Strategie, Personalwesen usw. usf. Nach außen und nach innen identifizieren wir uns als eine Hochschule der angewandten Wissenschaften: einer Kollegin von der FU (Geschichtswissenschaften) schicke ich einen Artikel von Drucker aus dem Harvard Business Review zu. Der Konferenzbeitrag, den ich am letzten Wochenende geschrieben habe, bezieht sich auf ein Forschungssemester, in dem ich einen Onlinekursus (“Research Methods“) entwickeln werde, der dann ganz praktisch im neuen Masters eingesetzt werden wird. Das ganze Semester hindurch geben sich bei mir ehemalige Studierende die Klinke in die Hand, die so nett sind, in einer Lehrveranstaltung aus der Praxis zu erzählen. — Ähnliche Aspekte „forschenden Lehrens” könnte ich von vielen Kollegen berichten. Forschen ja, aber verfolgen, wie sich wissenschaftliches Denken und Arbeiten beim Lösen realer Probleme bewährt, das macht wirklich Laune! Wissenstransfer auf dem traditionellen Wege der Publikation: gerne doch! Aber ebenso gerne, wenn nicht sogar lieber, bringe ich die Praxis in meine Lehrveranstaltung und arbeite mit Klienten, die hier und jetzt Probleme haben, an denen sich meine Studenten die Zähne wetzen können. Dass dabei, wenn (worauf ich mich mittlerweile fast verlassen kann) gute Arbeit geleistet wird, auch Wissenschaft quasi abfällt (ohne dadurch Abfall zu sein), ist nützlich und gut, aber kein Selbstzweck.

Tanzende Berserker, Öland, ca. 600 A.D.

Sie merken schon, dass ich für dieses Thema „angewandte Wissenschaft“ als Synonym für „Wissenschaft UND Praxis” glühe. Damit bin ich glücklicherweise an der HWR in ausgezeichneter, vielkopfiger Gesellschaft! Auf der Innenseite der Hochschule herrscht Stolz, vielleicht sogar eine gewisse Überheblichkeit, weil wir so viel „bewirken“ — wer was macht, fühlt sich mächtig. Diese Haltung ist gepaart mit einem Minderwertigkeitsempfinden: wir wissen, dass Manager keine hohe Achtung genießen, jedenfalls nicht unter der intellektuellen Elite des Landes. Erst gestern schickte mir ein Kollege einen populären YouTube Sketch mit dem Titel: “The Expert, A Hilarious Sketch About the Pain of Being the Only Engineer in a Business Meeting“. Der Sketch ist wirklich witzig, wenn man nur von außen auf die Wirtschaft schaut. Wer aber (wie ich) einen wichtigen, umfangreichen Teil seines Lebens in solchen Meetings verbracht hat, dem bleibt das Lachen im Halse stecken: gezeigt wird, wie nur der Experte, ein Ingenieur (mit dem Siegel der Wissenschaft gesegnet) klar sieht und logisch argumentiert, während eine Meute von vier Managern sich wie blindwütende Berserker gebärden. Am Ende muss er klein beigeben: die  Vernunft beugt sich der hirnlosen Macht. Sicherlich gibt es eine ganz andere Lesart dieses Video-Clips, eine harmlose: ich bin gespannt, was Sie sehen oder zu sehen glauben! Meine Lesart: wer mit Management und BWL zu tun hat, der hat zwar Kohle, aber ganz helle kann er nicht sein. (War BWL früher immer schon ein Fach für die, die nichts besseres zu studieren wussten?) Manager sind eher „smart“ als klug, eher gerissen als gebildet. Soweit das Vorurteil gegen die Praxis und ihre Vertreter.

Dahinter steht sicher auch die Erfahrung, die man an in den letzten Jahrzehnten an den Universitäten gemacht hat, und die den “Unternehmensberatern” angelastet wird (die wir u.a. ausbilden). Philosoph und Schriftsteller Peter Bieri hat jedenfalls offenbar die Lust verloren:

Der Kopf weiss nicht, was der Körper tut.

Manchmal weiß der Kopf eben nicht, was der Körper tut.

„Wenn ich mir ansehe, wer im Fernsehen oder in den Zeitungen die Helden sind, so sehe ich nur Fassaden ohne etwas dahinter. Das Gleiche läßt sich an den Universitäten beobachten, die zur Zeit durch die Perspektive der Unternehmensberatung kaputtgemacht werden. Wir bekommen ständig Fragebögen: Wie viele Gastprofessuren haben Sie wahrgenommen? Wie viele Drittmittel haben Sie eingeworben? Eine Diktatur der Geschäftigkeit. All diese Dinge haben mit der authentischen Motivation eines Wissenschaftlers gar nichts zu tun.“  [2]

Von den Vorurteilen gegen die andere Seite, die Grundlagenforschung als exponierteste Vertreterin der Wissenschaften, habe ich oben bereits gesprochen: Grundlagen sind verblasen, nicht in der Wirklichkeit verankert, bringen nichts ein, langweilen usw. Unsere Studierenden kriegen beides mit, das ist ganz natürlich. Aber im täglichen Forschungs- und Lehrbetrieb ringe ich viel mehr damit, die  Verachtung gegen und die Unterschätzung der Wissenschaft zu bekämpfen. Ich predige: die Klarheit wissenschaftlichen Ausdrucks, die Vorteile der Belegbarkeit, die Wunder der kritischen Betrachtung. Ich zeige Beispiele: am liebsten lebendige, in Form von sprachmächtigen, begeisterten, erfolgreichen Absolventen aus der Wirtschaft.

Vielleicht ist es nur meine eigene Erfahrung? Ich empfinde den Gegensatz von Wissenschaft und Praxis im Alltag stärker als den Gegensatz von Tradition und Innovation. Ersterer ist ein ärgerlicher Scheingegensatz, der u.a. den Wissenschaftlern den Weg in die Wirklichkeit verstellt, und die Praktiker methodisch lähmt. Mein Gesamteindruck von der HWR: nach außen sind wir wissenschaftlich stärker als wir es innen wahrnehmen, sind aber dennoch weit von dem entfernt, was wir erreichen könnten. Hingegen wird unsere Praxisnähe außen zwar wahrgenommen, aber nicht hinreichend geschätzt möglicherweise auch von uns selbst nicht.

So, Schluss mit Bloggen: das Wochenende lockt, der Frühling ist da! Der Blick schweift in die Ferne…gute Voraussetzungen, um nächste Woche zu “Internationalität und Regionalität” zu schreiben.

red-question-mark-circle-clip-artFrage an Sie: wo ist die Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis für Sie an der Hochschule (oder in der Gesellschaft) spürbar? Teilen Sie Ihren (Un)Mut!


Marcus Birkenkrahe bloggt in den sechs Wochen vor dem Workshop “Innen und Außen” zum Leitbild-Entwicklungsprozess — hier sind die Artikel. Er bloggt außerdem mit über 50 anderen Autoren auf elerner.de, dem E-Learning Blog der HWR Berlin.


[1] Übers.: „Langsam, wie Kinder in oder wie Leute, die sich unter Wasser bewegen, lautlos, mechanisch, als hätten sie keine Hoffnung.“

[2] Übers.: Der Experte, ein urkomischer Sketch über den Schmerz, der einzige Ingenieur in einem Business Meeting zu sein

[3] Zitiert nach David Salomon: “Eingreifende Wissenschaft, Junge Welt, 2. Oktober 2009.”


[Zuerst veröffentlicht  auf dem Blog für Leitbild und Strategie-Entwicklung der HWR Berlin – dort finden Sie auch die Kommentare.]

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