Magie des Forums

In einem MOOC müssen Information, Interaktion und Immersion miteinander verbunden werden. Information ist für ein xMOOC zentral – die Interaktion ist es aber, die Studenten bei der Stange hält.

Wie man das z.B. machen kann online, darum geht es hier in einem längeren deutsch/englischen Beitrag. In LdL-Speak (schnellster Einstieg via #LdLMOOC2-Hangout “LdL-Theorie”) ist das u.a. die Aufgabe, den Teilnehmern ein “Resonanzerlebnis” (Jean-Pol Martin) zu ermöglichen.

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Verwirrung oder Resonanz? (Bild: mittelalterlicher Altar im Bode-Museum, Berlin)

Kursbeispiel

Seit einigen Wochen nehme ich an einem solchen xMOOC zum Thema Forschungsmethoden teil, angeboten auf der Plattform Coursera, entwickelt von Annemarie Zand Scholten von der Universität Amsterdam. Zu diesem Kursus gibt es einiges zu sagen – schon der Anlass ist konzeptuell interessant: handelt es sich dabei doch um eine Antwort auf die Betrugsskandale im Bereich sozialwissenschaftlicher Forschung, die in letzter Zeit bekannt geworden sind, wie der Fall des Hochstaplers Diederik Stapel. Deshalb trägt der Kursus auch den kämpferisch-redundanten Namen „Solid Science Research Methods“. Wir leben eben im Plagiozän…

MOOC-technisch ist das für mich ein sehr spannender Kursus: auch, weil die MacherInnen (insgesamt ein Team von 15 Personen) das zum ersten Mal machen und deshalb allen möglichen Experimenten gegenüber aufgeschlossen sind. Inhaltlich ist der Kurs sehr professionell und sehr anspruchsvoll – gerade auch im Vergleich zu anderen Kursen, die ich mir auf dieser Plattform angeschaut habe. Vielleicht deshalb kam es in der dritten Woche zu einem Ausbruch von Unmut in den Foren: unter der Überschrift “Struggling in class” („Mit dem Kursus kämpfend“) gestanden eine Reihe von Teilnehmern, dass ihnen der Kursus sehr schwer falle. Möglich war diese Diskussion überhaupt nur, weil (anders als in anderen MOOCs) die MacherInnen vergleichsweise präsent waren und sich häufig zu Wort meldeten. Zu diesem Zeitpunkt waren ca. 13.500 Studenten in den Kurs eingeschrieben!

Die Diskussion bewegte sich von „wie schwer das alles ist“ rasch auf ein produktives Feld, nämlich mögliche Verbesserungen des Kurses. Als ein Teilnehmer fragte, warum die Foren weniger lebendig seien als in anderen Kursen, fragte die Veranstalterin zurück: „If you have any ideas how to encourage discussion [in the forums], let us know!

Der folgende Abschnitt enthält meine Antwort auf diese Frage in den Kategorien: (1) seinen Status erhöhen; (2) Aufmerksamkeit des Dozenten erregen; (3) eigene Fähigkeiten demonstrieren; (4) Raum zur Selbstdarstellung erhalten; (5) reine Zauberei.

Encouraging Forum Discussions

»Here are a few suggestions how to encourage discussion in the forums (other than on administrative issues and complaints): the general idea is, very simply, that any online activity must respond to a demand and satisfy the benefit. Such benefits are: (1) raise your status in the community; (2) get exposure to the instructors and the team; (3) demonstrate a skill that is otherwise not required or used (and therefore is not rewarded); (4) give people a space to talk about themselves (but related to the content); (5) pure magic.

Below is one suggestion for each of these categories — all tried and tested by me in my courses (they work better at times and worse at other times):

(1) Status : this is exemplified by the “forum reputation“(siehe Bild unten). I personally experience it as a kick when my activity is publicly rewarded. Riding high on a list feels good, and climbing a list is fun! You need to connect this mechanism with the content: at the moment, a comment on anything counts as much as a comment on the course content. There are only very few content- (rather than admin or feeling-) related discussion threads that attract many comments. In a standard university course, one would design (or rather: adapt) a rubric to reward specific forum contributions. You could also highlight assignments that you thought were particularly valuable.

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“Forum reputation” leadership board mit Rankangabe: kann einen Kick geben (Quelle: Coursera)

(2) Exposure: you could create a forum for questions that you pose yourselves (as instructors) – the purpose being not summative evaluation but instruction and discussion. At the end you could resolve the issue of yourself. Let’s say, after 2 or 3 days. At the moment, all the forums are either purpose free (“everything under the sun”) or primarily administrative (they all refer to organizing units rather than content). Participants of course pick this up. To push this idea, you could hand out weekly trophies…

(3) Skills: the participants demonstrate this in different forums already: the skill of helping, the skill of summarizing, the skill of stirring up trouble, the skill of expressing your feelings, and so on… you reward these e.g. by coming down from the mountain and responding directly, as Karmijn [Forums-Moderatorin] and Annemarie [Kursleiterin] are already doing it brilliantly! And the structure of the general forums supports these different skills — which is one reason why they are among the most viewed and most active. One possibility to channel the content that also surfaces in some of these forum discussions is to direct people to the wiki. By suggesting for example that somebody puts a paragraph on how he or she sees an issue into the respective wiki section.

(4) Space: some of the most of you most active threads that are content related demonstrate this principle: give people a space to show off their knowledge and they will come and accept the challenge. I think the instructors need to spark this off or initiate it, for example by creating forums on specific issues or questions — as mentioned above, the wiki could become a container for the content created in such discussions. The content of this course lends itself beautifully to such forum activity because the videos are highly condensed and could be unfolded and opened up in many directions.

(5) Magic: “pure magic” of course is not really a benefit, it is something that happens or it doesn’t. Any course that is poetic can develop community magic. Having followed this course quite closely, I think it falls in the category of courses that are poetic — this is not really my field so I can only speculate, but I would say it has to do with the ethical origin and reason to offer the course in the first place (cp. the transgressions of Stapel and others): the whiskers of Annemarie’s famous cat* are tinged with tragedy as it were and that is poetic.«

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Logo des Solid Science Research Metho Kurses

*) das können Nicht-Teilnehmer jetzt nicht verstehen: viele Beispiele im Kurs verwenden die Katze der Kursleiterin als Akteur bei Fallbeispielen. Die Katze steckt auch im kreativen Kurslogo.

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Symbiose oder Zerfall? (Bild: mittelalterlicher Altar im Bode-Museum, Berlin)

Erste Schlussfolgerungen für LdL-Online

Das eingangs erwähnte „Resonanzerlebnis“ bewirkt nach J-P Martin einen positiven Flow (siehe z.B. Peter Ringeisen’s LdL Theorie-Video, ca. 17’10’’) :

„Die Konvergenz anspruchsvoller, von allen nachvollziehbaren Gedanken führt zu einer Symbiose aller Beteiligten, die Resonanz in den einzelnen Individuen und in der Gruppe bewirkt.“

Sobald es zu dieser Resonanz bzw. diesem positiven Flow kommt, braucht der Dozent auch online die Unterhaltungen nicht länger „anzuschieben“ – jetzt fließt die Information von alleine zwischen den Beteiligten hin und her.

Von den im vorherigen Abschnitt gegebenen Vorschlägen sind die ersten drei (Status, Aufmerksamkeit, Fähigkeiten) auf das Individuum gerichtet. Zwar wirken sie nur in der Gruppe, aber sie sind trotzdem Ich-zentriert.

Die letzten beiden Vorschläge (Raum, Zauberei) richten sich auf zwei Aspekte, die in der herkömmlichen Lehre wie ich sie kenne etwas stiefmütterlich behandelt werden – für den Raum ist das verständlich, denn in der Präsenzlehre ist er nicht in dem Maße variabel wie in der online Lehre. Und der Parameter „Zauberei“ hat einen spirituellen, existenziellen Anstrich, von dem sich schwer sprechen lässt, obwohl ich ihn eigentlich für die Lehre entscheidend halte. Klar, nicht jeder Kursus ist zauberhaft und nicht jeder Dozent oder Lehrer ist auch gleich ein Zauberer – aber wenn wir die Poesie, die in unserem Lehr-Thema versteckt ist, selbst nicht fühlen, und wenn unsere Studenten oder Schüler sie nicht spüren, dann ist es alles nichts.

Was vom LdL-Standpunkt hier fehlt, ist der direkte Gruppenbezug. Der sich online viel schwerer herstellen lässt, als in der Präsenzlehre. Wenn es schon in einer realen Gruppe, die sich in einem realen Raum trifft, nicht ganz leicht ist, die Gruppe zu sehen, zu finden, zu motivieren usw. dann ist es in einem virtuellen Raum, in dem sie nicht sichtbar oder spürbar ist, noch viel schwieriger.

Andererseits ist die im obigen Zitat angesprochene „Symbiose“ der Teilnehmer in der virtuellen Welt, im Netz, auf Twitter oder in einem x-beliebigen Portal, fast spürbarer als in Schule, Uni oder auf dem Alexanderplatz in Berlin. Diese Symbiose drückt sich aber anders aus als wenn die Gruppenmitglieder einander physisch sehen, riechen und berühren können.

Die Symbiose zu erfassen, sie eventuell ansprechen zu können (oder ihre Abwesenheit) ist, vermute ich, einer Voraussetzung für das Gelingen von “Lernen durch Lehren” online.

Praktische Vorschläge für die Umsetzung von LdL in online Foren spare ich mir noch für unseren Hangout am 3.11 auf. Nur eines im Vorwege: bei allen erfolgreichen LdL Interventionen übernimmt die Gruppe vom Dozenten, der den Rahmen bereitstellt und gegebenenfalls Inhalte angibt bzw. vorbereitet. Für das Instrument Forum bedeutet das, dass die Studenten selbst Foren definieren, einrichten, moderieren. Das Forum wird zu einem Werkzeug der Studenten.


[Dieser Beitrag erscheint — ohne die Fotos — parallel auf dem Portal des 2. LdLMOOC, 22.09.-1.12.14. Fotos: ich war heute im Bode-Museum, Skulpturen gucken!]

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