LdL (“Lernen durch Lehren”) — Stoffsammlung

Antwort zur Aufgabe aus dem Praxis-LdLMOOC Hangout Nr. 2 (gesendet: 6. Okt. 2014, siehe auch Aufgabenstellung: ldlmooc.mixxt.de) die mich vier Tage beschäftigt hat (wenn auch nicht durchgehend):

Einstieg (10.10.14)

Diese Aufgabe finde ich erst einmal überhaupt nicht leicht: es geht ja darum, für andere Stoff zusammenzustellen, aber im Hinblick auf deren Lehre, nicht meine eigene. Da merke ich, was für ein Kontroll-Fanatiker ich bin! Empfinde große Schwierigkeiten, loszulassen…vor allem, da ich mir als Beispiel für das Lernziel ein Einstiegs-Modul ausgesucht habe. Konkret geht es um einen Online-Kursus “Forschungsmethoden” im Master-Studium (Programm: “Business Intelligence & Process Management” – BI & PM). Ganz am Anfang möchte ich bei den Studierenden die Wichtigkeit von Forschung und forschender Haltung auch für die Betriebswirtschaft und verwandte Fächer (sog. Business Studies) schärfen. Warum? — Wenn Sie den Sinn von Forschung für Ihre Tätigkeit und Ihr Fach nicht einsehen, dann werden Sie auch keine gute Abschlussarbeit schreiben können, und das Ziel des Kurses ist, die Studierenden auf die Abschlussarbeit vorzubereiten. Nun, eine Stoffsammlung ist ein Wissens-Container, oder? Was kann, was muss da drin sein? Dazu fiel mir Folgendes auf der Meta-Ebene ein (immer eine schöne intellektuelle Ablenkung)…

Ablenkung: Wissenscontainer

Diese Klassifizierung (siehe Bild unten) von Wissenscontainern  ist vielleicht nützlich:

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  • “Normalo” Container: Inhalte liegen im Container einfach herum. Der Container ist noch dazu abgeschlossen. Hier kann von selbst nicht viel passieren – dafür ist noch völlig offen, wofür oder wie die Bausteine verwendet werden können.
  • Networked container: Beziehungen zwischen den Bausteinen sind hier bereits hergestellt. Das kann helfen, kann aber auch die Offenheit des Ergebnisses (was mit den Bausteinen geschieht) einschränken. Ein Beispiel ist eine Forumsdiskussion, bei der die einzelnen Bausteine sich aufeinander beziehen.
  • Open container: der offene Container ist eine Sammlung von Bausteinen, die nach außen offen ist, so dass die Sammlung sich ständig ändern kann. Beispielsweise in einem offenen Wiki.
  • Open networked container: Vereint die Vor- und Nachteile von Offenheit und Vernetzung.
  • Framed container: Dieser Container hat noch gar keine Inhalte/Bausteine, sondern nur einen Rahmen. Beispielsweise eine Handlungsanweisung.
  • Structured container: Der strukturierte Container ist eine Unterform des vernetzten Containers. Die Vernetzung ist hier beispielsweise eine lineare Beziehung der Inhalte – zum Beispiel eine Liste.
  • Metaphor Container:  In diesem Metapher-Container liegen ganz besondere Bausteine, die selber Metaphern sind – beispielsweise ein Bild oder eine Audio Aufnahme.
Weiter: Rahmen setzen (13.10.14)

Nach meinen Anfangsschwierigkeiten beim Erstellen der Stoffsammlung war ich für Jean-Pol Martins G+ Hinweis ganz dankbar:

»Ich wäre eher dafür, als Umsetzung der LdL-Theorie eine kleine LdL-Einheit (für eine Unterrichtsstunde) erstellen zu lassen. Es geht darum, dass man schnell umsetzt. Durch die Stoffsammlung entsteht das Gefühl, man muss was umfangreiches liefern. Ich wäre für schnell, damit man gleich darüber sprechen kann.«

Nehmen wir also eine einzelne Unterrichtsstunde: dieser Stunde sollen die Studierenden (Masters-Studium) beginnen, ein Gespür für die Wichtigkeit von Forschungsmethoden auch in “Business Studies” zu entwickeln. Das ist dieselbe Aussage, die ich letzthin durch diesen Kurzfilm für den xMOOC zum Ausdruck bringen wollte.

Problem

Obwohl das Gebiet auf Deutsch „Wirtschaftswissenschaften“ heißt, wird der Aspekt der Wissenschaftlichkeit, jedenfalls nach meiner Kenntnis, während des Bachelorstudiums, selten  sonderlich hervorgehoben. Warum? Beispielsweise, weil bei diesem Wissensfeld wenig Grundlagenforschung unternommen wird: im Zentrum stehen nicht Naturgesetze, sondern komplexe Abläufe und Prozesse, an denen Menschen, Gesellschaft und Kultur wesentlich und ursächlich beteiligt sind. Anders gesagt, weniger abstrakt: in der Wirtschaft geht es darum, Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen. Standard-Probleme, für die es Standardlösungen gibt, sind hierbei wenig interessant (außer für Unterbereiche, wie meinen eigenen: Entwurf, Implementierung und Operation von Informationssystemen, mit denen Prozessabläufe automatisiert werden können).

Es gibt also ein nicht-triviales Motivationsproblem, wenn ich die Studierenden auffordere, sich mit Forschungsmethoden per se zu befassen. Das wirkt sich beispielsweise auf die Stoffsammlung insofern aus, als es ein Meer von Materialien gibt, die eigentlich nur aus Meinungen bestehen, aber sich wie wissenschaftliche Ergebnisse präsentieren – immer im Brustton der absoluten Überzeugung.

Was ich normalerweise in einer Präsenzveranstaltung machen würde

Als Einstieg würde ich vermutlich eine Diskussion anregen, um meine Annahmen (siehe oben) entweder bestätigt oder widerlegt zu finden. Es kann ja herauskommen, dass diese Studenten (in dieser Kohorte) ganz anders denken! Als Material könnte ich verschiedene Textquellen einbringen:

  1. einen typischen (nicht-wissenschaftlichen) Artikel aus dem Bereich BI & PM; (Beispiel)
  2. einen typischen (guten wissenschaftlichen) Fachartikel aus diesem Bereich. Die Studierenden könnten sich in der Diskussion rasch einen Überblick verschaffen, und Ton, Inhalt (nach Umfang) und Art der Behandlung des Themas vergleichen. (Beispiel)
  3. Eine Liste von Titeln von Mastersarbeiten aus der jüngeren Vergangenheit. Dies in Verbindung mit einer Frage: wie „wissenschaftlich“ müsste eine solche Arbeit sein? Wie würden Sie dieses Thema angehen?

Auch eine “Flipped Classroom” Übung wäre denkbar: Einteilung der Studierenden (zufällig, beispielsweise nach Sitzordnung) in eine Für/Wider-Gruppe: die eine Gruppe verteidigt, die andere Gruppe greift die Verwendung von (strengen?) Wissenschaftlichen Methoden für Business Studies an. So eine Übung könnte man auch am Anfang und dann am Ende machen und die Ergebnisse miteinander vergleichen: der Unterschied wäre dann eine Art Maß für den Lernfortschritt.

Was ich normalerweise online machen würde

In diesem Setup – mit einer Präsenzveranstaltung im Zentrum – wäre die online Unterstützung minimal und auf die Materialien beschränkt. Denkbare Erweiterungen: in einem Forum weitergehende Fragen diskutieren. Entweder als offenes Gespräch oder mit einer gesetzten Frage für die Woche – zum Beispiel mit einem Beispieltext als Anhang: die Studierenden müssen den Text einschätzen und (im Forum) einen kurzen Kommentar dazu schreiben.

Was ich in einer LdL-Präsenzveranstaltung von den Studierenden verlangen würde

Für eine LdL Veranstaltung würde ich den oben beschriebenen Ablauf nicht vorschreiben, sondern den lehrenden Studierenden (haben die in LdL auch einen Namen?) nur eine Anweisung geben wie:

Vergleichen Sie mit der Gruppe wissenschaftliche und nicht (so) wissenschaftliche Vorgehensweise und beschreiben Sie die Unterschiede und Konsequenzen.

Als Stoff eignen sich die bereits oben erwähnten Beispiele (Texte), oder ein Text wie “The Dark Side of Big Data” (Wharton, October 2013) — in Verbindung mit der Frage: wie wissenschaftlich ist diese Darstellung – wie kann man das entscheiden? Und  halten Sie Wissenschaftlichkeit bei diesem Thema überhaupt für notwendig? (Es geht bei diesem Artikel von einer sehr bekannten Business School um die ethischen Aspekte von “Big Data”, also einem gesellschaftlich und politisch hoch brisanten Thema.)

Videobeispiele (mit Einstiegsfragen — evtl. würde man die bei LdL weglassen?):

Webinhalte wie dieses Webinar (Bild unten: Ankündigung): wissenschaftlich? Braucht man das für so eine Fragestellung? (“5 POWER SKILLS TO BOOST YOUR PERSONAL INFLUENCE” [in der Firma]):

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Was ich in einer LdL-Onlineveranstaltung („Konserve“) von den Studierenden verlangen kann

Das ist die mich im Zusammenhang mit meinem eigenen MOOC-Machen am meisten interessierende Frage: wenn ich die Präsenzveranstaltung entferne – was kann ich da noch machen? Und wie beeinträchtigt das die Stoffsammlung? Da ich bereits einige interaktive Übungen identifiziert habe, gucke ich mir diese Übungen jetzt einfach im online Kontext an:

Diskussion: online Diskussion kann von den lehrenden Studierenden indiziert und moderiert werden (anstatt von mir). Das geht bis hin zum Einrichten der nötigen Infrastruktur: das heißt wie viele Foren und wie sie benennen? Oder eventuell alternative Infrastruktur (Diskussion via WhatsApp? Facebook?) Es ist zwar sehr bequem, die Infrastruktur von Dozenten eingerichtet zu bekommen, aber es entmachtet auch. Aus Zeitgründen wird man immer einen Mittelweg finden müssen, aber vom Gefühl her neigen online Dozenten dazu, sich in ihre eigene Technologie zu verlieben und sie deshalb den Studierenden bereitstellen zu wollen wie ein Luxushotel. Das ist natürlich toll, so ein Luxushotel – aber wenn man hinten und vorne bedient wird, dann verliert man leichter den Bodenkontakt.

Flipped Classroom (FC): das geht tatsächlich nur in einer Präsenzveranstaltung – online hat man automatisch eine invertierte Situation, weil der Lehrende nicht sichtbar ist oder sein muss und weil es einfacher ist, Rollen zu verteilen und zu behaupten. Wenn ich beispielsweise (wie im Präsenz-FC üblich) eine Studierende zur Moderatorin, die andere Studierende zur Schreiberin ernenne, und dann online den Mund halte, dann fehlt es diesen ermächtigten Studierenden leichter, den Kursus zu übernehmen, als wenn ich noch im Raum bin.

Wiki. Diese Aktivität hat in der Präsenzlehre nur beim Blended Learning wirklich einen Platz (obwohl ich gelegentlich auch Wikis im Unterricht selbst zum Protokollieren und Dokumentieren habe verwenden lassen). In einem online LdL Kursus kann das Wiki zur Erweiterung der Stoffsammlung verwendet werden. Das kann auch eine Auftragserweiterung für die lehrenden Studenten sein: ein Stoffwiki aufzubauen.

Peer Review: beispielsweise in Moodle durch eine eigene Aktivität verwirklicht (“Workshop“) – setzt voraus, dass die Studierenden eine Ergebnis, dass man online einschicken kann, produzieren. Dieses wird dann anonym von anderen Studierenden bewertet und kommentiert. Ebenso wie von einem selbst (Selbstevaluation). Die Studierenden im LdL Segment können eine Rubrik zur Bewertung selber entwickeln und auch selber das Feedback und den ganzen Prozess einrichten. Hat den zusätzlichen Vorteil (gerade in diesem Kursus über Forschungsmethoden) dass sie auch einen wichtigen Prozess der Wissenschaftspraxis kennen lernen & einüben! 

Reflexion zu Prozess und LdLMOOC-Aufgabe

Es hat einige Tage gedauert, bis bei mir der Knoten im Hinblick auf diese Aufgabe „LdL Stoffsammlung“ geplatzt ist. Wenn ich jetzt auf die letzten Abschnitte gucke, bin ich ganz zufrieden: denn die Komplexität (für mich) der Aufgabe hat mich dazu geführt, die Stoffsammlung für LdL ebenso wie die Arbeitsabläufe aus der (mir gut bekannten) Stoffsammlung und Ablauf der Präsenzveranstaltung (mit online Unterstützung, also als Blended Learning) abzuleiten. Ob das eine gute Vorgehensweise ist, weiß ich nicht. Mir fehlt im Moment noch die Erfahrung mit LdL, so dass mir nichts anderes eingefallen ist als von meiner Präsenzlehre auszugehen.


[Crossposted: GDocs Planungsdokument für #LdLMOOC2]

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