Die Sucht nach mehr Wissen — Komplexitätsreduktion in LdL

Es gibt um die 45-Minuten-Marke der YouTube Aufnahme des dritten LdLMOOC Hangouts auf die Frage von Hajo Jürgens an Jean-Pol Martin einen spannenden Austausch zum Thema Komplexitätsreduktion bei der Methode “Lernen durch Lehren” nach Martin. Die Grundlagen einer solchen Reduktion hat dieser 2005 in brillanter Kürze zusammen gefasst:

(Quelle: Europa interdisziplinär: Probleme und Perspektiven heutiger Europastudien, Hrsg. B Glaser, 2005, von ihm in GooglePlus gepostet.)

In dem Ausschnitt der online Diskussion drehte sich vor allem um den Widerspruch zwischen einem komplexen Thema und der für LdL aufbereiteten, gegebenenfalls extrem reduzierten (“Roman von Balzac in 5 Sätzen”) Form des Themas. Wenn es sich bei dem Thema noch dazu um einen Lieblingsgegenstand handelt, dann tritt die Leidenschaft des Lehrenden möglicherweise in Widerspruch zu LdL. Beispielsweise: einen Roman in der Literatur (das war das Beispiel aus dem Hangout); eine Theorie in der Soziologie; einen Beweis in der Mathematik; ein Informationssystem oder eine Prozesslandschaft in meiner eigenen Disziplin, der Wirtschaftsinformatik.

Wie Martin aber sagte, was auch von Jürgens verstanden und aufgenommen wurde, geht es darum, den Schülern/Studenten einen Zugang zum Thema zu verschaffen, den sie als exploratives Sprungbrett, wie eine Spur für Bluthunde (Martin: “Die Schüler sollen Blut lecken”), verwenden können, um sich tiefer liegende Schichten des Themas später selber zu erschließen. Hierfür – und das hat die Referentin  Isabelle Schuhladen de Bourhis ebenfalls eindrücklich bestätigt – ist es nützlich bzw. sogar wichtig (Isabelle: “für mich bei LdL das Wichtigste”), dass sich die Schüler an die Basisinformationen, an das, was Martin „existenziell“ nennt, erinnern können.

In diesem Zusammenhang werde ich an einen neuen Artikel von Jörn  Loviscach (bekannt als MOOC-Experte) erinnert, der gerade in der ZEIT erschienen ist, und bei dem es um den Sinn oder Unsinn der Vermittlung von höherer Mathematik für Ingenieur-Studenten geht. Ich finde, sowohl der Artikel, als auch die Kommentare zum Artikel (beide recht  konfrontativ und polemisierend) gehen am Problem des Lernens von Mathematik deshalb vorbei, weil sie diese Komplexitätsreduktion nach Martin nicht wahrnehmen oder nicht verwenden. Sie macht natürlich nur im Zusammenhang mit einem “Lernen durch Lehren” Vorgehen wirklich Sinn: denn der Unterricht hört ja mit der Reduktion nicht auf, sondern er beginnt dann erst! Aber es bleibt den Studenten oder Schülern überlassen, wie und wie weit sie sich als Gruppe auf tieferliegendes Wissen einlassen. Nicht ungesteuert, aber, in Martins Worten, auf der Basis eines „anthropologischen Modells“ und eines existenzialistischen Modells ebenso (siehe Bild). Loviscach und wie die Kommentatoren seines Artikels versuchen, hier durch die Wahl und Kontrolle des Themas etwas voraus zu nehmen, was m.E. besser von den Studierenden erschlossen wird – als LdL-Angebot, das “Sucht induzieren soll” (Martin).

Was ich in vielen Workshops zum Thema Komplexitätsreduktion gehört habe, geht in ähnlicher Weise an der Didaktik vorbei: dort geht es darum, viel Stoff in wenige Stunden zu pressen, oder effektiver zu sein…dabei wird aber viel mehr Zeit verbracht, die Weite eines Nürnberger Trichters zu diskutieren, anstatt der Beziehung zwischen Lehrer und Lernenden wie bei LdL.

Jedenfalls: ich bin gespannt, was ihr zum Thema Komplexitätsreduktion denkt?

3 thoughts on “Die Sucht nach mehr Wissen — Komplexitätsreduktion in LdL”

  1. Die Didaktikdebatte bezüglich der Komplexitätsreduktion (auch in Mathematik) kenne ich nicht. Aber was du schreibst trifft meinen Ansatz auf den Punkt genau! Auch in meinem aktuellen Wirken mit Senioren in Philosophiekursen stelle ich fest, dass auch TN, die ihr Leben lang mit “intellektuellen” Tätigkeiten nichts zu tun hatten, nachdem sie selbst den anderen TN im Rahmen einer Sequenz von 20 Minuten Platon vorgestellt haben, nach Philosophie richtig süchtig werden. Weil die Unterlage, die ich ihnen zur Verfügung stelle, 5 essentials über Platon enthalten und mehr nicht.
    Siehe auch:
    https://www.youtube.com/watch?v=ztTooc6G7t4

    1. …das Beispiel der “süchtigen Senioren” ist sehr schön…toll wäre, mal eine Sitzung mit den philosophierenden Senioren aufzuzeichnen. Aber da komme ich ja ggflls. selbst schnell genug hin (*seufz*)…

      Diese wirklich wichtige Einsicht (Notwendigkeit der Reduktion als Aktivierungsprinzip) habe ich (glaube ich) bereits seit langem intuitiv gelebt, aber jetzt wird sie mir erst richtig bewusst.

      Zum Video: “Sloterdijk erscheint!” war gut!! Das ist ein Schaumschläger und Eiertänzer… Deinen Schlussfolgerungen aus dem Video stimme ich nicht gänzlich zu…mein Menschen- und Weltbild ist ein anderes als Deines, vermute ich, aber das hindert mich nicht daran, LdL und die Leistung, die darin steckt, anzuerkennen!

      Dieser “Mathematik-Debatte” folge ich auch nicht wirklich — flickerte nur gestern zufällig über meinen Schirm und da habe ich eben die Verbindung hergestellt.

  2. “Diese wirklich wichtige Einsicht (Notwendigkeit der Reduktion als Aktivierungsprinzip) habe ich (glaube ich) bereits seit langem intuitiv gelebt, aber jetzt wird sie mir erst richtig bewusst.”
    – Ein beglückendes Gefühl für mich. Wenn man jahrzehnte lang einem bestimmten Prinzip folgt (Komplexitätsreduktion als handlungsinduzierend) und darüber publiziert, aber keine Resonanz erzielt, und plötzlich erkennt ein wacher und aufmerksamer Kollege die Qualität dieses Ansatzes, dann ist es schon eine große Freude!

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