Online-Vorkurse erstellen: Zwischenstand

Zeit für einen Zwischenstand meines Projekts zur Erstellung eines reinen Online-Vorkurses “Research Methods” für Master-Studiengänge an der HWR Berlin. Meine Einschätzung zu diesem Zeitpunkt ist eher subjektiv vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen der letzten sechs Monate. Dass es sich um einen Vorkurs handelt, ist wichtig: der Kurs soll keinen existierenden Unterricht ersetzen, sondern ihn sinnvoll, dem Präsenzkurs vorgelagert, ergänzen bzw. den Studierenden eine Auffrischung ihres evtl. vorhandenen Wissens ermöglichen.

 

Was gehört zu einem Online-Vorkurs?

Ein didaktisch erfolgreicher Online-Kurs muss die drei Bereiche Instruktion (Vermittlung von Lehrinhalten), Interaktion (Aktivierung der Studenten durch Tätigkeiten) und Immersion (Einbindung der Studenten in den Kurs) bedienen (siehe hier für eine Erläuterung im Rahmen von ‘Lernen durch Lehren’).

Ein traditioneller Präsenzkurs, auch wenn bereits Elemente von Blended Learning vorhanden sind (z.B. als niederschwellige Maßnahme Foren zur Online-Diskussion) ist in der Regel schwach, was Online-Interaktion und -Immersion anbetrifft – ähnlich wie in der Präsenzlehre führt das zur Ablehnung durch die Studenten; anders als beim Präsenzkurs gibt es aber beim Online-Kurs keine Möglichkeit, (zeitnah) nachzusteuern oder Schwächen spontan zu kompensieren.

 

Welche Prozessschritte muss ein Kursersteller durchlaufen?

Meiner bisherigen Erfahrung nach gehören die folgenden 5 Stufen zur Erstellung eines solchen Online-Kurses:

  1. Strukturierung des Materials für die Online-Umgebung
  2. Implementierung in der Online-Umgebung
  3. Erzeugung von Übungen in Online-Umgebung
  4. Testen des Kurses in der Online-Umgebung
  5. Implementierung von Erfolgsmessung (“Gradebook”/Gamification)

In Anlehnung an Erfahrungen mit MOOCs (Massive Open Online Courses) im Internet sind 8-10 Wochen mit jeweils einem thematischen Abschnitt pro Woche vom inhaltlichen Umfang her am besten geeignet.

In meinen nächsten Blog-Artikeln werde ich mich mit den einzelnen Stufen im Detail befassen — als Teil meiner Aufgabe, die entsprechende Kompetenz an die HWR Berlin zu bringen.

Wie lange dauert so etwas bestenfalls?

Wenn der Dozent (A) eine standardisierte Umgebung verwendet (wie beispielsweise Moodle an der HWR Berlin), (B) kein neues Material mehr erzeugen muss (d.h. den Vorkurs aus vorhandenen Präsenz-Lehrmaterialien bedienen kann) und (C) die Einrichtung von standardisierten Elementen für Lektionen, Tests und Peer-Review bereits beherrscht, würde ich für jeden dieser Schritte jetzt einen Tag benötigen, d.h. insgesamt 5 Tage, oder 1 Arbeitswoche.

Falls nur die Bedingungen A und B erfüllt sind, müsste man die zu veranschlagende Zeit wenigstens verdoppeln, d.h. insgesamt 10 Tage.

Wichtig: diese Abschätzungen gelten nur für einen Vorkurs, der einen vollen Kurs nicht ersetzt – D.h. Basisinformationen mit Schwerpunkt Auffrischung evtl. schon vorhandenen Wissens. Außerdem hängen sie natürlich extrem von der persönlichen Arbeitsweise ab.

 

Wovon hängt der Aufwand ab? 

Da der Onlinekursus sich (gegenüber der Präsenzlehre) dadurch auszeichnet, dass er modularisiert werden kann, ist der spezifische Umfang des Kurses – ob es sich also um 8 oder 10 Lehreinheiten handelt – von geringerer Bedeutung.

Der Aufwand beispielsweise bei der Strukturierung des Materials liegt vor allem in der Erstellung eines programmierten Ablaufs: dieser kann in der Präsenzlehre improvisiert werden, bei einem Selbstlernkursus muss aber jede Verzweigung des Lernablaufes vorhergesehen und eingestellt werden. Technisch wird dies in Moodle bspw. durch das “Lesson” (“Lektion”) Modul ermöglicht. Die Abbildung unten zeigt einen beispielhaften Lektionsablauf des Onlinekurses – für alle Kapitel (“Level”) und Unterkapitel (“Quests”) des Kurses ist dieser Ablauf der gleiche:

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Teilnehmerprozess im Online-Kursus.

 

Die Aspekte Instruktion (durch Lehrinhalte), Interaktivität (bswp. durch Tests und Quizfragen) und Immersion (bspw. durch spielerische Elemente, wie Badges/Auszeichnungen, Leaderboards od. dgl.) müssen alle bedient werden – sonst könnte man ebenso gut einen für die Präsenzlehre geeigneten Foliensatz hochladen.

 

Wie komme ich zu diesen Zahlen?

Meine Abschätzungen beruhen auf meinen bisherigen Erfahrungen, die ich im Verlauf des Forschungssemesters gesammelt habe. Hierbei habe ich eine Reihe verschiedener Werkzeuge ausprobiert und insgesamt einige hundert Stunden investiert, bis ich genau wusste, was ich zu tun hatte (siehe verschiedene entlang des Weges geschriebene Blogartikel). Neben Entscheidungen über die Technologie gehört hierzu vor allem auch die den meisten Dozenten wenig vertraute Notwendigkeit, Inhalte extrem zu modularisierten, wie das in diesem Artikel beispielhaft vorgeführt wird: so muss man aus einer einstündigen Vorlesung viele einzelne Teile machen, die auf spezifische Fragen antworten oder jedenfalls sehr eng umrissene Fragestellungen erläutern – das kann dann textuell, visuell, mit Audio, oder in einer dem Dozentin passenden Form konkret vermittelt werden. So eine Modularisierung kann von Mindmaps oder dgl. begleitet oder vorbereitet werden:

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Ausschnitt aus einem Inhaltsschema zum Kursabschnitt “Research Skills” – die Vorlesung hierzu gibt es als 5-minütige Animation.

 

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Complete mindmap for “Research Process” created with bubble.us

 

 

Was habe ich noch nicht erwähnt?

Der Vorkurs “Research Methods” enthält als zusätzlichen Inhalt eine große Zahl (> 60) kurze (1-5 Min.) Experteninterviews zu einzelnen Themen. Die Erstellung der Interviews hat erhebliche Zeit in Anspruch genommen (obwohl Audio, nicht Video) – entspricht aber auch einem voraussichtlich sehr hohen Wert für die Studenten auf verschiedenen Ebenen:

  • gezielte Beantwortung von einzelnen Fragen durch Experten (effektiv für Studenten)
  • Hilfe bei der Auswahl von Supervisoren, weil Stil, Denke und Arbeit der Experten im Interview deutlich wird (spannend für Studenten)
  • Einblick in das Spektrum der möglichen Antworten, weil die Interviews auch unterschiedliche Auffassungen dokumentieren (spannend für Studenten)

Dozenten können ebenso bei der Erstellung der Lehrinhalte beliebig komplexe Technologien verwenden – beispielsweise Animationen, Vorlesungsmitschnitte oder dergleichen.

Der Beispielsurs “Research Methods” enthält auch Elemente von “Gamification” – in Form von Ranking (der Diskussionsbeiträge), Badges (Auszeichnungen bei Komplettierung eines Abschnitts) und “Completion Tracking”, d.h. der Grad der Komplettierung den ein einzelner Student erreicht, wird automatisch verfolgt und kann verwendet werden, um Zusatzinhalte freizuschalten und dgl. Gamifizierung steht hier allerdings (noch) nicht im Vordergrund, ist aber ein Vehikel, um den Aspekt der Interaktion zu fördern.

 

Wie muss der Online-Vorkurs begleitet werden?

Zu diesem Punkt kann ich zurzeit noch wenig Konkretes sagen. Bei MOOCs ist der begleitende Aufwand vergleichsweise hoch – aber hier müssen auch viele Tausende gleichzeitig studierende Lerner begleitet werden. Im Falle der Vorkurse an der HWR Berlin wird es sich um Kurse handeln, die von 20-40 Teilnehmern absolviert werden. Die Teilnehmer sind dabei auf sich gestellt – Sie diskutieren miteinander (Moodle-Forum) und bewerten gestellte Aufgaben im Rahmen von Peer-Review-Prozessen (Moodle-Workshop) selbst aus. Trotzdem ist es wünschenswert, den Kursus durch eine Lehrkraft minimal begleiten zu lassen. Beispielsweise, um in den Foren zu ausgewählten Zeitpunkten Präsenz zu zeigen, den Kursus ein- und auszuleiten, bzw. eventuelle Fehler im Ablauf unmittelbar zu korrigieren.

Diese Lehrleistung könnte, meine ich, im Umfang von ca. 1 SWS erbracht werden – dabei können aber mehrere Kurse gleichzeitig unterstützt werden, denn das individuelle Eingehen auf einzelne Studenten ist m.E. nicht vordergründig wichtig.

Bei besonders gut konstruierten, hinreichend getesteten Onlinekursen kann sie möglicherweise auch ganz wegfallen – auch in Abhängigkeit vom Thema. Beispielsweise ist dies einfacher vorstellbar bei einem Kursus über statistische Methoden.

 

Muss man Onlinekurse aktualisieren?

Genau wie Präsenzveranstaltungen müssen die Onlinekurse selbstverständlich in Abständen aktualisiert werden. Möglicherweise ist diese Aktualisierung sogar für einige Fächer noch wichtiger als in der Präsenzlehre, weil veraltetes Material unmittelbar sichtbar ist und demotivierend wirken kann. Dadurch, dass die Vorkurse aber Basisinformationen liefern sollen, sehe ich die Aktualisierung zunächst als zweitrangig an.

 

Wie sieht die Zukunft aus?

Die Verlagerung von Basisinformationen, vergleichsweise einfachen Fragestellungen und Zusatzinformationen in Online Lehrveranstaltungen, die im Selbstlernmodus vom Studierenden durchlaufen werden, ist ein wachsender Trend. Eine Hintergrund für diese Entwicklung ist die Erfahrung, dass durch diese Auslagerung (Stichwort invertiertes Klassenzimmer/flipped classroom) die Qualität der Präsenzlehre gesteigert werden kann.

Eine Rolle spielt natürlich auch die Begrenztheit der personellen Mittel: so können online Vorkurse wie hier beschrieben mit vergleichsweise geringem Aufwand administrativ begleitet werden.

Denkbar ist die Ausweitung des Kursangebots in 3 Richtungen:

  • Fächerspektrum – im Rahmen Ihres Projekts könnten zunächst 5 Vorkurse im Masterbereich beispielhaft erstellt werden. In Abhängigkeit vom Erfolg dieser Kurse – bei Dozenten und Studenten – könnte man dann weitere Kursangebote erwägen. Insbesondere, weil dann die Kompetenz zur Erstellung dieser Kurse allmählich die Runde zu machen beginnt.
  • MOOC: eine Ausweitung über die virtuellen Grenzen der Hochschule hinaus ist denkbar: ein gut gemachter Kurs könnte auch außerhalb angeboten und sowohl als Marketing-Maßnahme als auch als Öffnung der HWR Berlin nach außen benutzt werden.
  • Allianz: strategisch eignen sich Online-Kurse auch, um hochschulübergreifend entwickelt bzw. gelehrt zu werden. Wenn Hochschule A das Fach X hervorragend vertritt, Hochschule B hingegen das Fach Y, können die Hochschulen Online-Kurse zu den Fächern X und Y austauschen.

Bei mir geht es zunächst weiter mit dem “Research Methods” Vorkurs, dessen Beta-Test ich von Wikiversity auf Moodle verlegt habe. Über die genaue Form dieses Kurses und die ersten Erfahrungen berichte ich in meinem nächsten Beitrag in ein paar Wochen.

 


3 thoughts on “Online-Vorkurse erstellen: Zwischenstand

  1. Der Artikel ist toll geschrieben, besonders gut als Hinweis ist der didaktischen Aufbau Instruktion, Interaktion, Immersion – auch aus meiner Online-Lehr-Erfahrung!

    Hm … ich denke 1 Woche Vorbereitung, um einen Online-Kurs zu erstellen gilt aber nur für jemanden, der bisher zumindest Moodle ergänzend nutzt und einige Features da kennt und seinen Inhalt schon gut modular vorbereitet hat oder sich da schnell reindenken kann.

    Für jemanden, der aus der reinen Präsenzlehre kommt, dauert es sicher eher einen Monat, um das andere Prinzip der Online-Kurse zu verstehen und den modularen Aufbau aus seinem bereits bestehenden Inhalt zu erstellen.

    1. Dankeschön! Klar, eine Woche ist schon ziemliches Optimum — laut meinen Informationen aus der MOOC-Plattform-Branche kostet ein Kurs, wenn man ihn auf dem freien Markt machen lässt, etwa 10 Mal so viel…entsprechend 2 1/2 Monaten Arbeit. Das ist zweifellos für den Ersteinsatz und die Erstentwicklung realistischer. Wenn man das auf 1 Woche bringen will, müssen die Inhalte bereits, wie Du sagst, modular vorbereitet sein und der/die EntwicklerIn muss einfach vollständig fit sein, was die verwendete Technologie anbetrifft (das ist aber, bei Moodle, durchaus überschaubar und vielfach verwendbar, d.h. einmaliges Investment lohnt sich). — Für Newcomer ist ein Viertel- oder sogar ein halbes Jahr sicherlich realistischer. Aber danach nimmt der Aufwand stark ab…wie immer beim E-Learning, wenn man auf stabile, wohl eingeführte Werkzeuge setzt.

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