Die Ängste neuer Dozenten

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Didaktisches Problem Klassische Situation
E-Learning Situation
“Was, wenn ich eine Frage nicht beantworten kann?” (oder: “Denken die dann ich habe keine Ahnung?”) Was wir (noch) nicht wissen, macht uns zu Lernenden. Wissensumfang ist nur ein Faktor unter vielen (und zunehmend weniger relevant, könnte man meinen). E-Learning führt zu noch mehr “Ich weiß es auch nicht” Situationen – häufig geht es um Technik. Gute Gelegenheit, die Studierenden als Helfer und Problemlöser an Bord zu bringen! – Delegieren & Rekrutieren! Außerdem können Sie sich leicht von Google abheben.
“Ich will ja fair sein, aber was, wenn die Studierenden das ausnutzen?” (oder: “Früher gabs noch Disziplin!”) Das Gleichgewicht von Empathie und Sorge für die Studierenden auf der einen und Einhalten von Standards auf der anderen Seite lässt sich am Einfachsten mit Einzelnen erreichen, mit der Gruppe ist & bleibt schwer. E-Learning hat eine egalisierende, gleichmachende Wirkung auf die ganze Gruppe einschließlich Dozenten. Gleichzeitig sind Standards noch viel wichtiger, weil Fehlerkorrektur so viel schwieriger ist.
“Ich habe manchmal Hemmungen, vor großen Gruppen zu sprechen” (oder: “Ich habe Lampenfieber.”) Lehre schließt Reden vor Gruppen mit ein. Diese Furcht lernt man nach einiger Zeit besser zu kontrollieren. Techniken wie das invertierte Klassenzimmer (flipped classroom) helfen, den Druck zu verringern. Verlagerung von Kommunikation auf Online-Kanäle kann helfen, weil Energie von der direkten Kommunikation im Klassenzimmer umgeleitet wird. Zu viel davon, und die Kommunikation leidet.
“Was, wenn meine Studierenden sich langweilen?” ( Oder: “Wie kann ich den Unterricht spannend halten?”) Engagement und Motivation der Studierenden ist das Thema. Für manche Lehrende überhaupt kein Problem, weil sie Langeweile erwarten – die eigene Erwartungshaltung angucken, ist wichtig. Dies bleibt eine Herausforderung, die eher mit den Jahren wächst! Medienwechsel kann den Unterricht etwas interessanter gestalten. Die Bandbreite von Darstellungsformen von Material (z.B. Spiele / Gamification) & Kommunikationsformen (z.B. Forum) ist erweitert. Am wichtigsten: die Studierenden können dabei mehr mitmachen!
“Was denken die Studierenden wohl von mir als Person?” (Oder: “Ob ich wohl richtig angezogen bin?”) Diese Befürchtung nutzt sich durch Praxis wohl am schnellsten ab. Schwankt zwischen jüngeren & älteren, erfahreneren Studierenden stark (z.B. Erstsemester vs. Teilzeit-MBA). Perzeptionen sind kaum steuerbar. “On the Internet nobody knows you’re a dog,” hieß es früher. E-Learning bedeutet erhebliche sensomotorische Verarmung. Anonymität, Egalisierung sind positive Effekte. Ist v.a. anstrengend!
“Wie kann ich meinen Zeiteinsatz optimieren?” (Oder: “Ich habe so viele Aufgaben, wie schaff ich das?”) Lehrende spielen viele Rollen: Wissensvermittler, Coach, Mitglied von Gruppen (Klasse, Fachgruppe, Hochschule, usw.) und genießen (oder leiden unter zu?) viel Freiheit. Eine Form von Multi-tasking, für die es keine Standardlösung gibt. Auch hier heilt die Zeit fast alle Wunden. Die Rollen nehmen, wenn Sie E-Learning betreiben, noch zu, d.h. das Problem von Zeitaufwand, -Einsatz und Multi-Tasking verstärkt sich noch. Online Veranstaltungen brauchen mehr (& andere) Vorbereitung & sind m.E. anstrengender als reale Veranstaltungen.
“Wie kann ich Leistungen am besten fair und angemessen bewerten? (Oder: “Gibt es objektive Bewertung?”) Das Prüfungswesen widmet sich dem offiziellen Teil dieser Aufgabe. Unterm Strich bleibt aber immer ein Restrisiko und ein mulmiges Gefühl, vor allem beim summativen Bewerten (i.Unterschied zum formativen Bewerten). Bewertungsschemata helfen hier: sie schaffen Transparenz. E-Learning zwingt den Dozenten dazu, seine Strategien offen zu legen und Standards zu formulieren. Gleichzeitig wird summative Bewertung, z.B. durch Online-Tests, vereinfacht und beschleunigt. Learning Analytics bieten viel mehr Leistungsübersicht als bisher. Relevante Prüfungsstandards: bspw. zu Multiple-choice Fragen.
“Ob sich wohl irgendjemand an mich erinnern wird?” (Oder: “Ich möchte einen bleibenden Eindruck hinterlassen.”) Die Lehre wird meist mit viel Elan und Leidenschaft angefangen: das zahlt sich immer aus und wird von Studierenden bemerkt und honoriert. Der Wert der Lehre für einen Einzelnen ist jedoch weder bezifferbar noch wäre dies wünschenswert – auch im Sinne der Freiheit der Lernenden. E-Learning verringert den persönlichen Fußabdruck aller Beteilligten. Wenn man diesem Effekt entgegenwirken will, muss man Aufwand betreiben – nicht anders als in der herkömmlichen Lehre. Feedback der Studierenden ist hier m.E. noch wichtiger als in der Klasse.
“Wie flexibel sollte ich im Unterricht sein?” (Oder: “Kann man Flexibilität lernen?) Wandel im Unterricht im Bereich der Regeln (sowohl der fremden, wie z.B. Hausordnung, als auch eigenen, z.B. bei Gruppenübungen) ist eine dauernde Begleiterscheinung. Das kann man sich u.a. teilweise  bei anderen, erfahreneren Lehrkräften abgucken. D.h. immer erst fragen! E-Learning ist unflexibel, weil hochgradig standardisiert. Gleichzeitig lassen sich Änderungen oft schnell umsetzen. Räumliche und zeitliche Flexibilität ist hier allerdings gegeben – Flexibilität des Verhaltens hingegen ist genauso problematisch wie immer.
“Was wenn meine Studierenden aus einer anderen Kultur kommen?” (Oder: “Muss ich Kultur(en) berücksichtigen?”) Die moderne Antwort lautet: ja, unbedingt, in jeder Hinsicht (Gender, Rasse, Herkunft usw.) und explizit. In der Praxis schwer umzusetzen, bleibt deshalb i.d.R. auf der Strecke. Vor allem bei Einzelaspekten (Kommunikation, Prüfungs- und Leistungsstandards, Lernverhalten) relevant. Hängt v.a. von der persönlichen Erfahrung, aber auch vom Willen und Einsatz der Hochschule ab. E-Learning erhöht die Komplexität auch hier zunächst (z.B. “digital natives/digital immigrants; copyright/Plagiatskultur usw.) . Allerdings kommt die Globalisierung uns entgegen: digitale Lerngewohnheiten und Erwartungen sind einander über kulturelle Grenzen hinweg zunehmen ähnlich. Einfachheit und Transparenz können hier die Zusammenarbeit maßgeblich vereinfachen.

 

Modifiziert, übersetzt und erweitert nach: Weimer, M. (2015) Teaching Concerns of New (and Not So New?) Teachers (7 October 2015) [Blog]. Online: facultyfocus.com. (PDF Kopie).  Im Text als Quelle angegeben:  Dannels, D.P. (2015) Teacher communication concerns revisited: Calling into question the gnawing pull towards equilibrium. Communication Education, 64(1), 83-106. Bei den “Problemen” und ihren Erläuterungen (“Klassische Situation”) handelt es sich um Beispiele realer neuer (Schul-?) Lehrer (Ergebnisse einer longitudinalen Studie von 10 Jahren Dauer), die ich paraphrasiert und erweitert habe. Die “Probleme” sind im Orginalartikel nicht als Fragen formuliert worden, tauchen dort aber in derselben Reihenfolge auf, d.h. das erstgenannte Problem wurde am häufigsten genannt. Die Anmerkungen zur “E-Learning Situation” sind ausschließlich von mir und beziehen sich auf eine “Blended Learning” Situation, bei der also die Präsenzlehre immer noch im Mittelpunkt steht, aber durch digitale Werkzeuge (z.B. Moodle) erweitert und bereichert wird. Erstellt für einen Workshop mit Dozenten der HWR Berlin. Hier nochmal als Tabelle.

Für weiteres “Frage-Antwort” Coaching aus dem Lehr-Raum, siehe auch Boris Schmidt’s Kolumne “Das didaktische Sofa” im “Lehren und Lernen” Blog der HWR Berlin.

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