Man kann nicht gewinnen, wenn keiner verlieren darf

Der Artikel “Irrer Wettkampf um die meisten Zitate” von Hubertus Breuer aus der Süddeutschen Zeitung vom 2. März enthält viele interessante Ansichten und machte mich nachdenklich – aber vielleicht nicht so, wie erwartet. In einem Absatz auf der ersten Seite heisst es:

“Das Zitat selbst ist kein perfekter Maßstab zur Bewertung der Qualität und Bedeutsamkeit einer Arbeit, denn nur selten erfüllt es die Aufgabe, auf die besten Studien in einem Forschungsfeld zu verweisen. Stattdessen hat es viele Funktionen: auf Resultate anderer Experimente zu verweisen, gelegentlich zu kritisieren und mitunter auch einem befreundeten Kollegen oder dem Doktorvater einen Gefallen zu tun. Außerdem führt es in die Irre, von einem Journal-Ranking auf den Wert eines einzelnen Artikels zu schließen.”

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Bild: das ist mit “Impact-Factor” nicht gemeint. (Quelle: openclipart.com)

Ein merkwürdiger Paragraph, finde ich – der Autor mischt verschiedene zutreffende, unzutreffende und irrelevante Eigenschaften von Zitaten zu einem Cocktail, der mich irritiert, aber auch inspiriert hat —

Zutreffend: Zitate verweisen sicherlich auch auf Resultate, allerdings keinesfalls nur von “Experimenten“, sondern von allen wissenschaftlichen (oder weniger wissenschaftlichen) Ergebnissen.

Unzutreffend: Zitate sind kein Ranking (um “auf die besten Studien in einem Forschungsfeld…[zu] verweisen“), sondern lediglich eine Verbindung zu, und eine Verbeugung vor dem intellektuellen Kapital anderer. Wenn ein Forscher oder ein Student nur auf die besten Studien verweisen würde, könnte man gar keine Forschung machen, bei der verflossene Forschung diskutiert wird, damit das jenseits der Veröffentlichung Liegende, die Suche nach dem besten (oder, in manchen Naturwissenschaften, korrekten) Ergebnis, davon befruchtet wird. Diskurs ist das Ziel, das Zitat (hier “citation” als Synonym für “Referenz” gebraucht) ist das Vehikel. “Gelegentlich…kritisieren“? Das ist der Hauptzweck des Referenzierens: eine kritische Diskussion ohne Referenzierung existierender, relevanter Literatur ist nicht denkbar. 

Irrelevant: zitieren, um jemandem “einen Gefallen zu tun“, aus Freundschaft oder dem Gefühl der Verpflichtung heraus (Doktormütter sind hier vermutlich mit gemeint)? Sicherlich besteht diese Neigung, die auch zu einer citation führen kann, sofern die Referenzen auch relevant sind. Die Bemerkung scheint aber an dieser Stelle irrelevant, es sei denn, das Hauptargument soll sein, dass Referenzierung und Impact-Factor irrelevant sind, weil ohnehin alles abgesprochen ist – Nepotismus also, völlig unwissenschaftlich. Das versucht der Artikel aber gar nicht zu belegen. Dieser Halbsatz soll also nur den Wert der Referenz weiter unterminieren. Ein nicht untypischer Versuch, etwas, das nicht verstanden oder beherrscht wird ohne messbaren Gegenentwurf zu zerstören. So wird im Artikel ein Physiker zitiert: man solle bei Einstellungen aufgrund der “Verdienste” entscheiden, nicht aufgrund des Impact-Factors. Wie werden denn Verdienste gemessen? Per Parteibuch vielleicht? Vortanzen? Tarot Karte ziehen?

Irritierend: am meisten irritiert hat mich der letzte Satz: “Außerdem führt es in die Irre, von einem Journal-Ranking auf den Wert eines einzelnen Artikels zu schließen.” Das ist aber kein schlechter Näherungswert, bevor man sich den Artikel selbst genauer anguckt – dahinter steht ja kein Nepotismus, sondern ein Abstimmungsprozess, der über hunderte von Jahren gewachsen ist und der uns nicht wenig Gutes beschert hat. Studierenden empfehle ich genau das, was hier schlechtgemacht wird. Die erwähnte, wichtige kritische Diskussion der eigenen Ergebnisse durchzuführen ohne sich an den Ergebnissen zu messen, die in gerankten Journals veröffentlicht wurden, ist nicht zielführend.

Bild: logo von researchgate.net, eine von vielen online Forscher communities

Bild: researchgate.net ist eine von vielen online Forscher communities

Ich fragte mich: ist die Kritik am Impact-Factor Mehrheitsmeinung? Im Artikel wird das Anti-Impact-Factor Manifest DORA erwähnt; es wurde von 12,682 einzelnen Wissenschaftlern u. 620 Institutionen unterschrieben; sind das viele? Zum Vergleich: researchgate.net, eine private Site für Forscher (mit eigenem Impact-Factor, bei dem citations auch eine Rolle spielen), hat mehr als 9 Millionen Nutzer.

Viele weitere Ungereimtheiten fallen mir auf. Ein weiteres Beispiel: die Zeitschriften Nature und Science “Platzhirsche in den Naturwissenschaften“? Der Autor meint die Biowissenschaften, nehme ich an. Keine Ahnung. Ich bin Physiker, mein ursprüngliches Spezialgebiet: theoretische Teilchenphysik. Nature und Science habe ich als Student und Postdoc nicht gelesen oder lesen müssen. Und jetzt bin ich Wirtschaftsinformatiker. Für den naturwissenschaftlichen Teil dieser Disziplin gilt das ebensowenig wie für die Gesamtdisziplin. Um STEM (Deutsch: MINT) Disziplinen allgemein geht es hier ganz sicher nicht.

johnny-automatic-engineer-300pxMeinen Studierenden empfehle ich, um die Unlust zu besiegen, die beim Durchwühlen von vielen vielleicht irrelevanten, oft schlecht geschriebenen Artikel zwangsläufig entsteht, Reviews (also Zusammenfassungen und Besprechungen) zu suchen und diese zu lesen. Für Bachelor oder Master ist Forschung in vorderster Linie sonst schwer. Nur wenige können es ganz ohne Reviews. Aus dem Artikel: “Reviews sind beliebt, sie ziehen Zitierungen an wie das Licht die Motten“. Ich hingegen denke: mehr, nicht weniger Reviews würden unseren Studierenden helfen, den Kopf über Wasser zu halten (und mir auch).

johnny-automatic-scientist-300pxAber wenn es hier wenigstens um die Messbarkeit der Qualität wissenschaftlicher Dokumente ginge, oder um die Hoffnungslosigkeit wissenschaftlicher Karrieren. Das wäre doch mal interessant – beides für mich offene Themen mit vielen möglichen Antworten, die mich auch schon vor Jahrzehnten beschäftigt haben. Aber nein.

Der Titel enthüllt, welche Schlacht wirklich geschlagen wird: “Irrer Wettkampf“. Dieser Wettkampf sei “albern” und die Teilnehmer zeigten “suchtähnliches” Verhalten und seien auf “Selbstbestätigung” aus. Wettbewerb wird rundum herabgewürdigt und in Opposition zu Wissenschaft gesetzt. Das scheint mir unhistorisch, deckt sich nicht mit meiner Lebenserfahrung und schadet, denke ich, unseren Studierenden, den lieben “Millennials”.

Die folgende Szene aus meinem Unterricht vor einer Woche demonstriert dies: als eine chinesische Studentin als Ergebnis einer Übung das beste Ergebnis zeigt, applaudiere ich und bitte ich sie mit den Worten “well done, you’re a winner!” aufzustehen und ihr Ergebnis kurz zu präsentieren. Das ist ihr unangenehm: sie errötet, setzt sich schnell und sagt: “We’re all winners“.

Nein, sind wir nicht. Wir sind alle Menschen, Diversity ist wichtig, und Teams sind toll. Verlierer müssen sich nicht schämen. Aber wenn wir alle Gewinner wären, käme keiner als erster ans Ziel und niemand müsste sich mehr Gedanken machen, wie er beim nächsten Rennen besser abschneidet, wie er von den Besten, oder wenigstens den Besseren lernen kann usw. Wettbewerb bedeutet nicht automatisch “Sozialdarwinismus” – dank Artikel wie diesem haben unsere Studierenden scheinbar immer größere Probleme, das zu verstehen und das finde ich schade.

Ironischerweise verlieren professionelle Journalisten gerade das Wettrennen mit schreibenden, selbst recherchierenden Amateuren – langsam aber sicher wird ihnen durch Social Media “der Rang abgelaufen”. Mit Artikeln wie diesem kann man allerdings auch nicht aufs Siegertreppchen kommen.

Spatial Scientometrics
Bild: screenshot der Webseite excellencemapping.net

Bild: screenshot der Webseite excellencemapping.net

Abfallprodukt meiner eigenen Recherchen am Rande: die Webseite “Mapping Scientific Excellence” (siehe Bild oben) – schöne Visualisierung, bei der wissenschaftliche Institutionen aufgrund der Zahl von Veröffentlichungen eingeordnet werden. In Blog-Kommentaren wird die mangelnde Diversity kritisiert, das Fehlen kultureller Gewichtungen, der Bias (Vorurteile) zugunsten der nördlichen Hemisphäre usw. Das ist eigentlich wohl eine Aufforderung zum “fairen Wettbewerb” – es bleibt aber ein Zugeständnis zum Wettbewerb an sich, der sich ohne solche Visualisierungen und Debatten nicht entwickeln kann – ganz analog dem anderen großen Menschheitsprojekt, das sich bereits über viele hundert Jahre hinzieht, dem Kapitalismus. Der wäre ohne Wettbewerb auch nicht das, was er ist, und er wird ebenfalls oft dafür kritisiert.

In den erwähnten Kommentaren zur Karte wissenschaftlicher Exzellenz findet man als Antwort auf die Kritik an citations die folgende ausgezeichnete to-the-point Erläuterung (von Nutzer “bicolor”):

“Actually, highly cited does usually mean excellent. A high number of citations means that a large number of other scientists either think the work is worth mentioning in the explanation of their own work, or rely on the results or procedures of that paper to derive their own results. The first means the paper is excellent because it explains something important, or explains something complicated in a good way, and the last means it’s excellent because it establishes a technique or bit of knowledge that is seminal for future work.”

My apologies

Musste das offenbar mal hier loswerden – sicherlich wäre es besser auf der SZ Seite aufgehoben, aber dort kann ich keine Diskussionsmöglichkeit erkennen. Ob ich mich wohl jetzt zu jenem alten Mann entwickle, den ich früher immer so belächelt und bedauert habe, der verbissen bittere Leserbriefe schreibt? Seufz.

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